Freiheit auszuüben, Recht zu beanspruchen, ist keine Provokation

Wer Freiheiten ausübt und Rechte beansprucht, wird oft – und immer öfter – der Provokation beschuldigt. Lassen wir dies zu, verändert sich die Verfassungswirklichkeit in Richtung Unfreiheit, Entrechtung, Faustrecht.

Die „Zeit“ nahm einen Übergriff auf einen ihrer Mitarbeiter zum Anlass, sechs Erlebnisberichte und Reflexionen aus verschiedenen politischen, weltanschaulichen und historischen Kontexten abzudrucken.

Zum Anlass: „Eigentlich wollte unser Autor den Auftritt des türkischen Außenministers in Hamburg beobachten. Doch dann hielt er ein Schild hoch, auf dem „Free Deniz“ stand.“ Link zum Bericht.

Die Autorin und Autoren der sechs Beiträge zum Thema:

Hamed Abdel-Samad, ägyptisch.deutscher Politikwissenschaftler und Islamkritiker.

Ulrich Ladurner, „Zeit“-Redakteur, der oft aus Krisengebieten berichtet.

Seyran Ates, deutsch-türkische Anwältin und Publizistin.

Toralf Staud, ehemaliger Redakteur der „Zeit“, schreibt seit vielen Jahren über Rechtsradikalismus.

Friedrich Schorlemmer, Theologe und Bürgerrechtler.

Abdel-Hakim Ourghi, deutsch-algerischer Islamwissenschaftler, lehrt an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Auszüge:

Hamed Abdel-Samad: „(…) Nur die Anwesenheit mehrerer LKA-Beamter rettete uns. Meine Kollegin zerrte an meinem Hemd und flehte, nicht weiter zu provozieren! Ich habe aber niemanden provoziert. Ein junger Mann drohte allen Terror an. Warum sollten wir vor ihm zurückweichen? Warum diese Nachsicht gegenüber Gläubigen, als müssten sie automatisch wütend werden, wenn man ihre Religion kritisiert? Ich sehe nicht ein, dass ein Privatmensch oder Journalist aus dem öffentlichen Raum verschwinden soll, aber der gewaltbereite Mob bleiben darf. (…)“

Ulrich Ladurner: „Zagreb im Sommer 1992.(…) Auf dem zentralen Ban-Jelačić-Platz fand eine Demonstration statt. Ich stand inmitten der Menge und sah, dass vorn auf einer kleinen Bühne ein Mann gegen den Krieg sprach. Er war ein deutscher Friedensaktivist. (…) Schliesslich stürmten einige Männer die Bühne, Und bevor ich begriff, was geschah, war auch ich von Männern umringt. (…) Von hinten traten mir die Männer in die Kniekehlen, ich rief: ‚Ich bin Journalist! Ich bin Journalist!‘ Die Trritte in die Kniekehlen wurden härter. (…) Jemand, so meine ich mich zu erinnern, zog mich aus diesem wütenden Meer heraus und stiess mich fort. (…) Als ich später, zu Hause in Wien, davon erzählte, kam schnell die Frage: ‚Was wolltest du eigentlich dort?‘ (…) Diesen Vorwurf hörte ich immer wieder, im Iran, in Mali, in Afghanistan. (…) Wenn es brenzlig wird, findet man als Reporter selten Unterstützer, die klar sagen: ‚Du hast nur deine Arbeit gemacht. Du bist frei von Schuld!'“

Seyran Ates: „Frauen, die Minirock tragen, sind selbst schuld, wenn sie belästigt werden. Wir kennen diesen alten Spruch. Türkinnen meiner Generation kennen auch noch die Frage: Was hast du getan, dass dir Gewalt angetan wurde? (…) Heute berichten mir meine Mandantinnen noch immer von dieser Tätermoral.. (…) Deeskalationsexperten raten (…), einfach ,wegzugehen. Aber was heisst das? Es heisst, den Gewalttätern das Feld zu überlassen. Als ich mit 21 Jahren in Kreuzberg im Frauenladen von Sympathisanten der Grauen Wölfe angeschossen wurde, machten mir sogar ‚linke‘ türkische Männer Vorwürfe. (…) Warum müsst ihr Frauen so viel fordern, wenn die Gesellschaft noch nicht so weit ist? Warum provoziert ihr die Konservativen? Meine Antwort: Weil wir ein Recht auf Freiheit haben! Als ich viel später, im Jahr 2003, einen eigenen Straftatbestand Zwangsheirat forderte, gab es wieder Drohungen. 2006 schloss ich meine Kanzlei, weil ich den Hass nicht mehr aushielt. Natürlich hiess es: Selber schuld! Ich will, dass dieser Vorwurf aufhört. (…)“

Toralf Staud: „(…) Nein, es ist nicht immer gefährlich, als Journalist über den rechten Rand zu berichten – aber oft genug. Lange bevor die AfD über ‚Lügenpresse‘ oder ‚Pinocchiopresse‘ schimpfte, wurden wir von Rechtsextremen als ‚Systemschreiberlinge‘, ‚Medienhuren‘, ‚Judenpresse‘ geschmäht. Kollegen wurden verprügelt und zusammengetreten. Anderseits wird uns vorgehalten, wir seien Panikmacher und Antifa-Hysteriker. Das ist zwar seltener geworden, seit der NSU aufflog und die breite Gesellschaft tief erschütterte. Doch noch immer passiert es, zum Beispiel in Thüringen, dass die Polizei Journalisten an der Beobachtung einer Neonazi-Veranstaltung hindert, weil wir antgeblich provozieren und ‚die öffentliche Sicherheit‘ gefährden. Erst ein Gericht musste der Polizeiführung klarmachen, dass es ihr Job ist, Journalisten zu schützen. Wer über Rechtsextreme schreiben will, muss sich ihnen nähern. Wir gehen da nicht hin, weil es Spass macht. Recherchen in riskanten Milieus sind ein Dienst am Leser. Die Rückendeckung von Redaktion und Öffentlichkeit aber ist unsere Lebensversicherung.“

Friedrich Schorlemmer: „Die Geschichte klingt harmlos, aber ich kann sie nicht vergessen. Sommer 1979 in der DDR, ich war Dozent im Wittenberger Predigerseminar und fuhr mit Kollegen nach Polen. An der Grenze mussten sie alle warten, weil mein Auto über zwei Stunden lang gefilzt wurde. Es war die typische Schikane, und wahrscheinlich hatten die Grenzer mich nicht ganz zufällig herausgefischt, denn ich war in der Friedensbewegung aktiv. Geärgert habe ich mich jedoch weniger über die Grenzer als über einige Kollegen. Ihre vorwurfsvolle Reaktion: ‚Mensch, Ihretwegen müssen wir hier warten! Wundern Sie sich etwa?‘ Doch. (…) Heute denke ich, die DDR hätte eher zu Ende gegen können, wenn weniger Leute darauf bedacht gewesen wären, nur nicht anzuecken. Manchmal muss man aber nachgeben: Am 1. Oktober 1989 wollten wir zur Gründung einer oppositionellen Gruppe, des Demokratischen Aufbruchs, in ein Gemeindehaus in Berlin-Pankow. Als wir ankamen, standen die Polizisten schon im Kordon um das Gemeindehaus herum,. wenig später brausten zwei Mannschaftswagen mit Bereitschaftspolizei heran. Da habe ich gesagt: Lasst uns abhauen! Was nützt uns jetzt Opposition im Knast? (…) Für Mut kriegst du meist erst Anerkennung lange nachdem es des Mutes bedurfte. In der Zeit, wo du mutig bist, bist du oft einsam. Du brauchst dir auf deinen Mut nichts einzubilden, aber du solltest dich seiner ebenso wenig schämen wie deiner Angst.“

Abdel-Hakim Ourgi: „Ich bin ein deutscher Hochschuldozent. Das ist angeblich ein friedlicher Job. Doch weil ich zugleich ein liberaler Islamwissenschaftler bin, ist es in letzter Zeit ungemütlich geworden. (…) Die Liste der anonymen Drohungen ist mittlerweile endlos. (…) Mir scheint, die Vertreter eines konservativen Islams haben schreckliche Furcht vor einer Islamreform, deshalb lehnen sie nicht nur eine Selbstkritik unserer Religion vehement ab, sondern bekämpfen auch uns Wissenschaftler. (…) Wir schulden unserer Religion eine Reformation. Im Oktober 2017 erscheint mein Buch ‚Die Reform des Islam. Vierzig Thesen.‘ Ich gebe zu: Ein mulmiges Gefühl habe ich dabei schon.“

 

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