Zum Beispiel „Völkerwanderung“

Wie bezeichnen wir Vorgänge von neuartiger Dimension?

Ist die aktuelle Fluchtbewegung eine Völkerwanderung?

Es geht bei dieser Frage nicht um Political Correctness, sondern um eine explizite Debatte, was wir unter Völkerwanderung verstehen und was „Sache ist“.

Als Begriff der Geschichtsschreibung bezeichnet Völkerwanderung einen militärisch und politisch geführten Einfall: Unter Führung König Theoderichs des Grossen setzten die Goten dem weströmischen Imperium ein Ende. Historiker erachten heute auch für diesen Vorgang die Bezeichnung als Völkerwanderung als ungenau. Vielleicht erleichtert es gerade die Ungenauigkeit, sie auf das anzuwenden, was heute stattfindet.

Es wandern aber nicht Völker, sondern allenfalls Bürgerkriegsopfer oder Bürgerkriegsparteien. Ein anderer Teil der betreffenden Völker bleibt selbstbewusst zurück: Als IS, als Asad-Regime, als Taliban usw.

Ist die heutige Flucht politisch geführt? Verfolgt sie ein politisches Eroberungsziel? Hat sie militärisches Potenzial? Klar: Viele bejahen dies gern, auch ohne Nachweise. Wer den Begriff „Völkerwanderung“ braucht, sollte sich gelegentlich dazu äussern.

Mehr Informationen finden Sie hier.

Zum selben Thema ein spontaner Facebook-Kommentar von Stephan Israel, Korrespondent des „Tages-Anzeigers“ in Brüsssel:

„Wie soll es man beschreiben, wenn Millionen in Bewegung sind, aus oft sehr unterschiedlichen Gründen? Mit den Begriffen ist es nicht einfach in diesen Tagen. Problematischer finde ich Flüchtlingswelle, Flüchtlingsstrom oder Massenansturm. In diesem Zusammenhang eine Klammerbemerkung auch zur sogenannten Masseneinwanderungsinitiative. Ein Begriff, der in der Schweiz ohne Komplexe und ohne Anführungszeichen verwendet wird. Obwohl es hier ja um qualifizierte Arbeitskräfte geht, die wir ins Land holen und nicht etwa um eine Art Naturkatastrophe oder Plage, die über die Schweiz gekommen ist, wie der Begriff suggeriert. Und obwohl er ausserhalb der Schweiz eher zum Vokabular von (Neo-) Nazis gehört. Ähnlich übrigens die Ventilklausel (ja, es geht um Menschen, nicht um chemische Produkte, Wasser oder Luft), die übrigens nur im Schweizer Sprachgebrauch so heisst und sonst überall Schutzklausel genannt wird. Sie sehen, es ist nicht einfach, immer die richtigen Worte zu finden. Es ist eine permanente Gratwanderung. Einfach von Flüchtlingen zu schreiben trifft es nicht. Hinzu kommt, dass dieser Begriff rechtlich eigentlich klar definiert und eng eingegrenzt ist. Die Asylanten scheinen zum Glück etwas aus dem Sprachgebrauch verschwunden zu sein. Dafür ist jetzt oft von Migranten oder Wirtschaftsflüchtlingen die Rede, ebenfalls mit negativer Konnotation…“

Artikel drucken

Tags :